Marienkind — Originaltext

Gebrüder Grimm · Kinder- und Hausmärchen, 1850
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Version: Original (1850) · Quelle: KHM · Status: Public Domain

Vollständiger Text

Vor einem großen Walde lebte ein Holzhacker mit seiner Frau, der hatte nur ein einziges Kind, das war ein Mädchen von drei Jahren. Sie waren aber so arm, daß sie nicht mehr das tägliche Brot hatten und nicht wußten was sie ihm sollten zu essen geben. Eines Morgens gieng der Holzhacker voller Sorgen hinaus in den Wald an seine Arbeit, und wie er da Holz hackte, stand auf einmal eine schöne große Frau vor ihm, die hatte eine Krone von leuchtenden Sternen auf dem Haupt und sprach zu ihm 'ich bin die Jungfrau Maria, die Mutter des Christkindleins: du bist arm und dürftig, bring mir dein Kind, ich will es mit mir nehmen, seine Mutter sein und für es sorgen.' Der Holzhacker gehorchte, holte sein Kind und übergab es der Jungfrau Maria. Die nahm es mit sich hinauf in den Himmel.

Da ging es dem Mädchen recht gut. Es aß Zuckerbrot und trank gute Milch, sein Kleid war von Gold, und kleine Englein spielten mit ihm. Als es aber vierzehn Jahre alt geworden war, rief es die Jungfrau Maria einmal zu sich und sprach 'liebes Kind, ich habe eine große Reise zu thun, da vertraue ich dir die Schlüssel zu den dreizehn Thüren des Himmelreichs an. Zwölf davon darfst du aufschließen und die Herrlichkeiten darin betrachten, aber die dreizehnte, wozu dieser kleine Schlüssel gehört, die ist dir verwehrt. Hüte dich daß du sie nicht aufschließest, und auch daß du niemanden in den Himmel einlaßest, sonst wird dir übel.' Das Mädchen versprach gehorsam zu sein. Und als nun die Jungfrau Maria weggegangen war, fing es an zu besichtigen, und besah die Wohnungen des Himmelreichs. Jeden Tag gieng es eine auf, bis zwölf waren eröffnet. In jeder saß ein Apostel und war von großem Glanz umgeben. Das Mädchen erfreute sich an all der Pracht und Herrlichkeit, und die Englein, die es immer begleiteten, freuten sich mit ihm. Nun war die verbotene Thür übrig, die es nicht öffnen sollte, und es ward von großer Lust ergriffen, zu wissen was darunter verborgen wäre, und es sprach zu den Englein 'ich will sie gar nicht ganz aufmachen und auch nicht hineingehen, ich will sie nur ein wenig lüften, damit wir durch den Spalt etwas sehen können.' 'Ach nein,' sprachen die Englein, 'das würde eine Sünde seyn, die Jungfrau Maria hats verboten und es könnte leicht dein Unglück werden.' Da schwieg das Mädchen still, aber die Lust in seinem Herzen schwieg nicht, sie nagte und pickte daran und ließ ihm keine Ruhe. Und als die Englein einmal alle draußen waren, dachte es 'nun bin ich ganz allein und könnte hinein gucken, es weiß es ja niemand wenn ichs thue.' Es steckte den Schlüssel in das Schloß und drehte um, da sprang die Thüre auf, und es sah die heilige Dreifaltigkeit in feurigem Glanze sitzen. Es blieb ein Weilchen stehen und betrachtete alles voller Staunen, rührte dann ein wenig mit dem Finger den Glanz an, da ward der Finger ganz golden. Sogleich fiel ihm eine große Angst an, es schlug die Thüre heftig zu und lief fort. Die Angst wollte nicht von ihm weichen, es mochte anfangen was es wollte, das Herz klopfte immer fort und wollte nicht ruhig werden, und das Gold blieb am Finger, es mochte es abreiben und waschen so viel es wollte, es ging nicht ab.

Nicht lange danach kam die Jungfrau Maria von ihrer Reise zurück, rief das Mädchen zu sich und verlangte die Schlüssel wieder. Als es ihr die Schlüssel reichte, sah die Jungfrau Maria ihm ins Angesicht und fragte 'hast du die dreizehnte Thüre nicht aufgeschlossen?' 'Nein,' sprach das Mädchen. Da legte sie ihre Hand auf sein Herz, fühlte daß es klopfte und klopfte, und merkte wohl daß es ihr Gebot übertreten und die Thüre aufgeschlossen hatte. Sie sprach 'hast du sie wirklich nicht aufgeschlossen?' 'Nein,' sprach das Mädchen zum zweiten Mal. Da sah sie den Finger, der von der Berührung des himmlischen Feuers golden geworden war, und wußte nun gewiß daß es die Sünde begangen hatte, und sprach zum dritten Mal 'hast du sie nicht aufgeschlossen?' 'Nein,' sprach das Mädchen zum dritten Mal. Da sprach die Jungfrau Maria 'du hast mir nicht gehorcht und hast noch dazu gelogen, du bist nicht mehr würdig im Himmel zu sein.'

Da versank das Mädchen in einen tiefen Schlaf, und als es aufwachte, lag es unten auf der Erde mitten in einer wilden Einöde. Es wollte rufen, aber es konnte keinen Laut herausbringen. Es sprang auf und wollte weglaufen, aber wohin es sich wandte, immer ward es von dichtem Gestrüpp aufgehalten, durch das es nicht durchkommen konnte. In der Einöde, in der es eingeschlossen war, stand ein alter hohler Baum, der wurde seine Wohnung. Nachts schlief es darin, und wenn es stürmte und regnete, fand es da Schutz. Wurzeln und Waldbeeren waren seine Nahrung, die suchte es sich, so weit es kommen konnte. Im Herbst sammelte es die herabgefallenen Blätter des Baumes und trug sie in die Höhle. Wenn es dann im Winter schneite und fror, deckte es sich damit zu, und die Blätter waren besser als kein Feuer, sie wärmten wenn man sich auch nicht an ihnen wärmen konnte. Auch seine Kleider gingen kaputt und fielen vom Leib, und wenn die Sonne wieder warm schien, gieng es hinaus und setzte sich vor den Baum, und seine langen Haare bedeckten es wie ein Mantel. So saß es lange Zeit und fühlte den Kummer und das Elend der Welt.

Einmal, als die Bäume wieder frisch grünten, jagte der König des Landes in dem Wald. Er verfolgte ein Reh, und als dieses in das Gestrüpp floh, das die Lichtung umschloß, stieg er vom Pferd, riß die Zweige auseinander und hieb sich mit dem Schwert einen Weg. Als er endlich durchgedrungen war, sah er unter dem Baum ein wunderschönes Mädchen sitzen, das von seinen goldenen Haaren bis zu den Füßen bedeckt war. Er stand still und betrachtete es voller Staunen. Dann sprach er es an 'wie bist du in diese Wildnis gekommen?' Es schwieg aber, denn es konnte den Mund nicht öffnen. Der König fragte weiter 'willst du mit mir auf mein Schloß gehen?' Da nickte es nur ein wenig mit dem Kopf. Der König nahm es auf den Arm, trug es zu seinem Pferd und brachte es heim. Er ließ ihm schöne Kleider anlegen und gab ihm alles im Überfluß. Und obgleich es nicht sprechen konnte, war es so schön und holdselig, daß er es von Herzen lieb gewann. Es dauerte nicht lange, so heiratete er es.

Nach etwa einem Jahr brachte die Königin einen Sohn zur Welt. In der Nacht, als sie allein in ihrem Bett lag, erschien ihr die Jungfrau Maria und sprach 'willst du die Wahrheit sagen und eingestehen daß du die verbotene Thüre aufgeschlossen hast, so will ich deinen Mund öffnen und dir die Sprache wiedergeben. Bleibst du aber in der Sünde und leugnest hartnäckig, so nehme ich dein neugebornes Kind mit mir.' Da wäre die Königin fast bereit gewesen zu antworten, aber sie blieb verstockt und sprach 'nein, ich habe die verbotene Thüre nicht aufgeschlossen.' Da nahm die Jungfrau Maria das neugeborne Kind aus ihren Armen und verschwand damit. Am andern Morgen, als das Kind nicht zu finden war, ward ein Gemurmel unter den Leuten, die Königin sei eine Menschenfresserin und habe ihr eigenes Kind umgebracht. Sie hörte alles und konnte nichts dagegen thun, aber der König wollte es nicht glauben, weil er sie so lieb hatte.

Nach einem Jahr bekam die Königin wieder einen Sohn. In der Nacht trat wieder die Jungfrau Maria zu ihr und sprach 'willst du eingestehen daß du die verbotene Thüre aufgeschlossen hast, so will ich dir dein Kind wiedergeben und dich wieder sprechen lassen. Bleibst du aber in der Sünde und leugnest, so nehme ich auch dieses Kind mit mir.' Da sprach die Königin abermals 'nein, ich habe die verbotene Thüre nicht aufgeschlossen.' Da nahm die Jungfrau Maria das Kind aus ihren Armen und mit sich in den Himmel. Am Morgen, als das Kind wieder verschwunden war, sagten die Leute laut, die Königin hätte es verschlungen. Die Rathgeber des Königs verlangten, daß sie überführt und verurtheilt werden sollte, aber der König hatte sie so lieb, daß er es nicht glauben wollte, und befahl seinen Räthen unter Androhung der Leibes- und Lebensstrafe, nichts mehr darüber zu sagen.

Im nächsten Jahr gebar die Königin ein schönes Töchterchen. Da erschien ihr zum dritten Mal nachts die Jungfrau Maria und sprach 'komm mit mir.' Sie nahm sie bei der Hand und führte sie in den Himmel, und zeigte ihr dort ihre beiden ältesten Kinder, die lachten sie an und spielten mit der Weltkugel. Als sich die Königin darüber freute, sprach die Jungfrau Maria 'ist dein Herz noch nicht weich geworden? wenn du jetzt zugiebst daß du die verbotene Thüre aufgeschlossen hast, so will ich dir deine beiden Söhne wiedergeben.' Aber die Königin antwortete zum dritten Mal 'nein, ich habe die verbotene Thüre nicht aufgeschlossen.' Da ließ die Jungfrau Maria sie wieder zur Erde hinabsinken und nahm ihr auch das dritte Kind.

Am andern Morgen, als es ruchbar ward, riefen die Leute laut 'die Königin ist eine Menschenfresserin, sie muß verurtheilt werden!' und der König konnte seine Räthe nicht mehr zurückweisen. Es ward ein Gericht über sie gehalten, und weil sie nicht antworten und sich nicht vertheidigen konnte, ward sie verurtheilt auf dem Scheiterhaufen zu sterben. Das Holz ward zusammengetragen, und als sie an einen Pfahl festgebunden war und das Feuer rings umher zu brennen anfieng, da schmolz das harte Eis des Stolzes und ihr Herz ward von Reue bewegt, und sie dachte 'könnt ich nur noch vor meinem Tode gestehen daß ich die Thüre geöffnet habe', da kam ihr die Stimme daß sie laut ausrief 'ja, Maria, ich habe es gethan!' Und alsbald fing der Himmel an zu regnen und löschte die Feuerflammen, und über ihr brach ein Licht hervor, und die Jungfrau Maria kam herab und hatte die beiden Söhnlein zu ihren Seiten und das neu geborne Töchterlein auf dem Arm. Sie sprach freundlich zu ihr 'wer seine Sünde bereut und eingesteht, dem ist sie vergeben,' und reichte ihr die drei Kinder, löste ihr die Zunge, und gab ihr Glück für das ganze Leben.

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